Das Ausführliche Einsatznachsorgegespräch

Der Begriff „Ausführliches Einsatznachsorgegespräch“ ist aus unserer Sicht nicht optimal, aber bislang der, der den Inhalt, um den es geht, am besten beschreibt. Er ersetzt den ursprünglichen Begriff Debriefing, das von Jeffrey T. Mitchell1 entwickelt wurde, und führt es auch inhaltlich weiter.

Bei einem „Briefing“ (englisch brief = kurz) handelt es sich um eine Kurzeinweisung (Kurzbesprechung, Unterrichtung) vor einem wichtigen Ereignis (Teamarbeit, Einsatz, Übung etc.). Während ein Briefing eine Einsatzvorbesprechung ist, ist ein Debriefing eine Einsatznachbesprechung, bei der reflektiert und bewertet wird, was gut, und was verbesserungswürdig war. Es werden Probleme angesprochen und Lösungen dafür gesucht. Bei Einsatzorganisationen werden unterschieden die „Einsatztaktische Nachbesprechung“ und das „Einsatznachsorgegespräch“ als ausführliche psychosoziale Nachbesprechung.

Für Diskussionen sorgte Anfang der 2000er Jahre eine Untersuchung der LMU-München, dass das Debriefing nach den Erkenntnissen der Psychotraumatologie nicht wirksam sei, und dass es nach Notfällen nicht mit Debriefing behandelten Personen besser ging als den damit Behandelten. Das hatte aber den Hintergrund, dass in den untersuchten Fällen das Debriefing zu früh, also noch in der Phase des Akuten Stresses angewendet wurde. Und es ist tatsächlich unverantwortlich, Menschen, die kurz nach einem schrecklichen Ereignis destabilisiert und geschwächt sind, weiteren Extrembelastungen auszusetzen, ehe sie sich ausreichend erholen, Abstand gewinnen und zu einem gewissen inneren Gleichgewicht zurückfinden konnten. Das ist häufig emotional überfordernd und kann zu einer (massiven) Verstärkung der Belastungssymptome führen. Außerdem wurde das Debriefing zu wahllos eingesetzt, denn es eignet sich nicht als „Akutverfahren für jedermann“.

Beim AENG handelt es sich um ein mehrstündiges, siebenphasiges und strukturiertes Verfahren, das als Gruppen- oder Einzelmaßnahme nach einem belastenden Einsatz durchgeführt werden kann:

  1. Einführung = Den Rahmen sichern.
  2. Faktenphase = Aus dem Einsatz eine erzählbare, zusammenhängende Geschichte machen.
  3. Gedankenphase = Die Gedanken, die, die beim Einsatz entstanden sind und die, die jetzt da sind, benennen.
  4. Emotionsphase = Jeder Einsatz löst Emotionen aus, die jetzt sachlich angeschaut werden, ohne in eine gefühlsmäßige Bewertung oder Auseinandersetzung einzutreten.
  5. Reaktions- und Bewältigungsphase = Der Info-Block informiert über mögliche Reaktionen auf und über Bewältigungsmöglichkeiten von Stress; außerdem werden konkrete Vorhaben entwickelt.
  6. Außergewöhnliches Abschlussereignis = Ausblick nehmen darauf, dass der belastende Einsatz gut bewältigt werden wird.
  7. Abschluss = Abschluss des Verfahrens und Hinweis auf Kontakt- und weiterführende Hilfsmöglichkeiten.

Das AENG dient als Aufarbeitung und (gemeinsamer) Abschluss des erlebten belastenden Einsatzes und damit zur Vorbeugung seelischer Folgeschäden:

Das AENG dient der Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft, gehört also zum Einsatz und damit gilt auch hierfür die Freistellungspflicht des Arbeitgebers.

Wirksam ist das AENG vor allem als Gruppengespräch, denn „allein kann ich nicht denken, allein habe ich nur Gefühle. Ich brauche andere, um zu denken“ (René Pollesch, deutscher Dramatiker und Regisseur, 1962 - 2024).

Menschen haben ein Bedürfnis nach Orientierung und die bekommen sie mit dem AENG, die gesetzte Struktur schafft Sicherheit.

Debriefing-Modelle im Vergleich

Gisela Perren-Klingler (https://www.institut-psychotrauma.ch/d/start.html, abgerufen am 26.05.2024)